[Serie: Politmoral] Teil 4| Die Patriarchen des Formats:
Wie Adenauer und Schmidt regierten, ohne sich zu verkaufen
Wer die heutige Politikergeneration im Bundestag beobachtet, sieht vor allem eins: Anpassung. Jedes Wort wird dreimal auf die Goldwaage gelegt, jede Entscheidung von Umfrageinstituten abgesichert. Es regiert die Angst vor dem nächsten Shitstorm. Doch die Bundesrepublik wurde nicht von Zauderern aufgebaut, sondern von echten politischen Schwergewichten.
Wenn man wissen will, was echtes politisches Format bedeutet, muss man die beiden Urväter der deutschen Nachkriegspolitik nebeneinanderstellen: den rheinischen Patriarchen Konrad Adenauer (CDU) und den norddeutschen Krisenmanager Helmut Schmidt (SPD). Zwei Männer, die unterschiedlicher kaum sein konnten, die aber eine fundamentale Eigenschaft einte: Sie handelten aus tiefer innerer Überzeugung für den Staat – und nicht für den Applaus des Augenblicks.
Konrad Adenauer: Der listige Macher mit der eisernen Vision
Konrad Adenauer war kein glattgebügelter Diplomat. Als Oberbürgermeister von Köln nach dem Ersten Weltkrieg regierte er die Stadt wie ein absolutistischer Herrscher. Er hatte die Vision, den Bürgern der rauchenden Industriestadt eine grüne Lunge zu schenken – den heutigen Kölner Grüngürtel. Als Investoren das Land teuer zubauen wollten, fackelte Adenauer nicht lange: Er setzte rücksichtslos Enteignungen durch und zwang Grundstücksbesitzer unter massivem politischem Druck, ihr Land billig abzugeben. Er diskutierte nicht endlos, er schuf Fakten für Generationen.
Und wie wurde Bonn eigentlich Bundeshauptstadt? Auch das war ein Geniestreich Adenauerscher Machtpolitik. Der eigentliche Favorit war das geschichtsträchtige Frankfurt am Main. Doch Adenauer, der im idyllischen Rhöndorf auf der anderen Rheinseite wohnte, hasste Frankfurt und wollte den provisorischen Charakter des Weststaates wahren. Mit einer Mischung aus politischer List, gezielten Gerüchten über eine angebliche Ablehnung der Briten und dem Versprechen, Bonn sei billiger, trickste er den Parlamentarischen Rat aus. Am Ende siegte Bonn hauchdünn – und der Kanzler hatte einen herrlich kurzen Arbeitsweg. Das war schlitzohrig, aber es entsprang seiner festen strategischen Überzeugung für das neue Land.
Helmut Schmidt: Der kühle Staatsdiener ohne Kompromisse
Jahrzehnte später betrat Helmut Schmidt die Bühne – und verkörperte denselben unbeugsamen Typus auf norddeutsche Art. Schmidt war kein Taktiker, er war ein Überzeugungstäter. Als seine eigene Partei, die SPD, Sturm gegen den NATO-Doppelbeschluss lief und Hunderttausende auf die Straßen gingen, blieb Schmidt eisern. Er war bereit, das Kanzleramt und die Macht seiner Partei zu opfern, weil er die Nachrüstung für das Überleben des Westens für zwingend notwendig hielt. Er behielt recht, bezahlte aber mit dem Sturz seiner Regierung.
Genau wie Adenauer, der bis zu seinem Tod mit 91 Jahren im Bundestag saß und niemals für Aufsichtsratsposten der Industrie empfänglich war, dachte auch Schmidt nicht an den persönlichen Reichtum nach der Macht. Schmidt blieb zeit seines Lebens in seinem unprätentiösen Hamburger Reihenhaus wohnen. Beide Männer besaßen am Ende Geld – erarbeitet durch erfolgreiche Bücher und Memoiren –, aber keiner von beiden missbrauchte das höchste Amt im Staat als Karriere-Sprungbrett für die freie Wirtschaft. Sie verstanden sich als Diener des Staates, nicht als Eigentümer des Systems.
Warum das moderne System keine Riesen mehr zulässt
Der Kontrast zur Gegenwart könnte schmerzhafter nicht sein. Wo ein Adenauer Enteignungen für den Klimaschutz oder das Gemeinwohl heute wahrscheinlich im Alleingang durchboxen würde, verzettelt sich die moderne Politik in endlosen Bürokratie-Monstern. Wo ein Schmidt für seine Überzeugungen den Sturz riskierte, biegen sich heutige Kanzler und Minister im Wind der täglichen Meinungsumfragen.
Adenauer und Schmidt waren streitbar, oft arrogant und alles andere als fehlerfrei. Aber sie hatten eines, was man mit keinem Geld der Welt kaufen kann: Rückgrat und historisches Format. Sie bauten sich keine PR-Blasen aus Steuergeldern, um sich selbst schönzureden. Ihr Vermächtnis war ihre Arbeit. Wenn eine Demokratie nur noch Verwalter und keine Gestalter mehr hervorbringt, verliert sie ihre Zukunft. Es wird Zeit, sich an den Maßstab zu erinnern, den diese Patriarchen einst gesetzt haben.
Oder irren wir uns da? Braucht Deutschland wieder Politiker vom Schlage eines Adenauer oder Schmidt? Welchen Typus von Staatsmann vermissen Sie in der heutigen Zeit am meisten? Schreiben Sie uns Ihre Meinung in die Kommentare und diskutieren Sie mit!



